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Science Writing:

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Einleitung                                   Übersicht

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1  Publikationen in deutscher und englischer Sprache

Deutschsprachige Publikationen: Können und Wollen

Glücklicherweise ist unsere Gesellschaft heute so weit alphabetisiert, dass Rechtschreibfehler im täglichen Umgang mit unredigierten Texten zwar zum »Landschaftsbild« gehören, aber schon lange kein Lesehindernis mehr darstellen. Gegenteilige Annahmen, wonach das allgemeine Rechtschreibniveau im Vergleich zu früheren Zeiten gesunken ist, mögen im historischen Kurzzeitgedächtnis punktuell berechtigt sein, im großen historischen Zusammenhang sind sie aber kulturpessimistischer Unfug. Ähnliches gilt auch für Grammatikfehler: Praktisch alle deutschsprachigen Autoren mit solider Ausbildung schreiben in der eigenen Muttersprache auf einem Niveau ohne sinnstörend ungrammatische Konstruktionen.

Aus praktischer Sicht ist es also völlig gleichgültig, wenn jemand Bindestriche nicht richtig setzt, »Sinn macht« schreibt, Defizite in Groß- und Kleinschreibung zeigt oder sich Dativ und Genitiv gegenseitig ermorden. Ob jemand auf dieser Ebene mehr oder weniger Fehler macht, sagt nichts darüber aus, ob sich die Person verständlich ausdrückt. Gute Fachübersetzer und Redakteure lernen mit den Jahren, dass eine transparente Sprache auch bei deutlich sichtbaren Defiziten an der Oberfläche viel größere Wertschätzung verdient als eine fehlerarme, aber intransparente Ausdrucksweise.

Wie wir uns in der eigenen Sprache ausdrücken, ist nicht zuletzt eine Frage des Geschmacks, über den man bekanntlich nicht streiten kann. Wenn ein deutschsprachiger Arzt ein wissenschaftliches Manuskript auf Deutsch veröffentlicht, so muss dieses nach den erforderlichen Korrekturen in Rechtschreibung und Grammatik »druckreif« sein. Denn immerhin umfasst es Stilmittel, die schon aufgrund ihrer Authentizität erhaltenswürdig sind, auch wenn manche von ihnen dem Geschmack des einen oder anderen Lektors oder Redakteurs zuwiderlaufen mögen. Jedenfalls wäre es ohne ausdrücklichen Wunsch des Autors nicht angemessen, solche Texte gleichsam Satz für Satz auf den Kopf zu stellen.

Dies ist aber nur die eine Seite der Medaille. Wir alle tun gut daran, unsere Texte kritisch überprüfen und auf die eine oder andere Art von Außenstehenden unseres Vertrauens bearbeiten zu lassen. Und es ist nicht richtig, dass wir uns in der eigenen Muttersprache schon deshalb gut verständlich ausdrücken, weil es sich eben um unsere Muttersprache handelt. Texte von Nichtmuttersprachlern haben bei allen sonstigen Mängeln oft den Vorteil einer größeren Transparenz, die sich zwangsläufig aus dem notwendigen Mehraufwand an primärer Gedankenarbeit zum Schreiben ergibt.

Man kann dieses Argument auch umdrehen und sagen, dass muttersprachliche Autoren oft nicht den Willen oder die Zeit für ein Mindestmaß an sprachlicher Transparenzarbeit aufbringen. Die Einbindung eines Lektors oder Redakteurs in solchen Fällen ist keine Schande, sondern eine effiziente Maßnahme zur Aufwertung von Texten im Hinblick auf ihre Lesbarkeit und Transparenz.

Englischsprachige Publikationen: Glauben und Müssen

Anders stellt sich die Frage bei Manuskripten, die deutschsprachige Autoren in englischer Sprache verfassen. Diese Autoren verfügen selten über individuelle Ausdrucksmittel, die man als natürlich gewachsen bezeichnen könnte und für den Redakteur schon deshalb eine erhaltenswürdige Größe darstellen würden. Der Autor müsste hierzu einen soliden Hintergrund an englischer Sprachausbildung besitzen, was unserer Erfahrung nach so gut wie nie der Fall ist. Entsprechend höher sind auch die Anforderungen an den Lektor/Redakteur.

Bei manchen Autoren kann sich dennoch mit der Zeit eine gewisse Fehleinschätzung des eigenen Könnens einstellen. Zwei Ursachen für diese Tatsache sind immer wieder deutlich zu erkennen: Erstens stellen medizinische Fachjournale mit internationaler Autorenschaft wesentlich geringere Anforderungen an die Druckreife von Artikeln als andere Bereiche des Verlagswesens. Hinzu kommt zweitens, dass im akademischen Bereich oft unhinterfragt Fähigkeiten im Umgang mit der englischen Sprache vorausgesetzt werden, die nicht realistisch sind. In manchen Einzelfällen könnte die Kluft zwischen Anspruch und Realität deutlicher nicht ausfallen.

Trotzdem gibt es sehr gute Gründe, warum viele Autoren ihre Manuskripte nicht etwa auf Deutsch schreiben und sie dann übersetzen lassen, sondern lieber gleich auf Englisch verfassen. Die passive Auseinandersetzung mit der englischsprachigen Fachliteratur kann so überwältigend sein, dass ein Umweg über die deutsche Sprache zu kompliziert erscheint. Bessere Resultate lassen sich aber vor dem Hintergrund der Erkenntnis erzielen, dass allzu großes Vertrauen in die eigenen Sprachkenntnisse unangebracht ist.

Selbstverständlich gibt es gute Gründe, warum wissenschaftliche Fachjournale die sprachliche Latte niedrig legen. Erstens will man nicht kontinuierlich Autoren aus aller Welt vor den Kopf stoßen, zweitens bringen die Begutachter im Peer-Review-Verfahren keine sprachliche Expertise ein, und drittens sparen die erheblichen »Fertigungstoleranzen« viel Zeit und Geld.

Zahlreiche Aspekte dieser hohen Toleranz verdienen Wertschätzung. Nachteilig ist, dass sie zu fundamentalen Missverständnissen führen können und die Tücken der entstehenden Kommunikationsdefizite schnell einmal unterschätzt werden. Man sollte sich daher stets vor Augen halten, dass die Begutachtung im Peer-Review-Verfahren wie auch die Besonderheiten von Aufsätzen im IMRAD-Format und gewisse Auffassungen zum Konzept einer Lingua franca einen absoluten Sonderfall innerhalb des Publikationswesens darstellen.

Grundsätzlich haben Autoren mit deutscher Muttersprache keinen schlechten Zugang zur englischen Sprache. Immerhin handelt es sich um eine verwandte germanische Sprache. Gleichzeitig birgt diese relative Nähe ein Risiko der Selbstüberschätzung. Neben zahlreichen graduellen Abweichungen existieren sehr wohl auch fundamentale Unterschiede, die man nie unterschätzen sollte. Englische Texte von deutschsprachigen Autoren können bei oberflächlicher Betrachtung durchaus korrekt wirken und dennoch bei genauer Lektüre große Mühe bereiten, voller Unschärfen stecken und erhebliche Verwirrung stiften.

Englisch als Lingua franca

Eine grundsätzliche Frage in unserem Zusammenhang könnte man so stellen: Wie selbstverständlich ist für deutschsprachige Ärzte der Umgang mit Englisch als Lingua franca des wissenschaftlichen Publikationswesens? Auf diese Frage kann nur sinnvoll eingehen, wer zuerst ihren Hintergrund säubert. Dass Englisch diese Funktion übernommen hat, steht dabei außer Frage. Gleichzeitig gibt es aber Denkschulen, die ein ganz anderes Konzept des Englischen als Lingua franca propagieren. Ihren Verfechtern geht es um einen »spontanen« Zugang zur weltweiten Kommunikation mit einem hohen Maß an Fehlertoleranz.

Diese Vorstellung ist nur in bestimmten Zusammenhängen berechtigt und birgt darüber hinaus ein Risiko von gravierenden Missverständnissen. Lingua franca bedeutet nämlich zwei verschiedene Dinge. Im engeren Sinn handelt es sich um eine historische Verkehrssprache, die Elemente aus verschiedenen Sprachen miteinander vermengt hat. Wissenschaftliches Englisch ist aber keine Kreolsprache. Vielmehr sollte sie eine Lingua franca im weiteren Sinn darstellen, also eine ähnliche Funktion erfüllen wie in früheren Jahrhunderten Latein oder Französisch.

Auch diese Sprachen übernahmen zu ihrer jeweiligen Zeit die Funktion einer Bildungs- und Wissenschaftssprache. Auch damals gab es Abweichungen von den muttersprachlichen Konventionen im antiken Rom oder modernen Paris. Dennoch waren die Konventionen so gut entwickelt, dass Gedanken auf hohem inhaltlichem Niveau mit geringen Kommunikationsdefiziten ausgetauscht werden konnten.

Internationales Englisch hat zwar die Funktion einer Lingua franca übernommen, ist aber gleichzeitig noch weit entfernt vom Niveau einer internationalen Bildungssprache im historischen Sinn. Hinzu kommt, dass die heutige Sprachentwicklung im Vergleich zu früheren Jahrhunderten (mit allen positiven und negativen Folgen) weitgehender demokratisiert und die Welt komplizierter geworden ist. Dennoch befinden wir uns nicht in einem Entwicklungsstadium in dem bildungssprachlich sauberes Wissenschaftsenglisch für die meisten deutschsprachigen Autoren darstellbar wäre. Im Gegenteil: Nur eine verschwindend kleine Minderheit besitzt diese Kompetenz.

Die beste Annäherung erreichen jene Autoren, die diesen Anspruch gar nicht erst erheben, sondern einen konstruktiven Minimalismus pflegen. Gerade die Idee einer Wissenschaftssprache ist ja nicht zu verwechseln mit einer Forderung nach hochtrabenden Stilebenen. Vielmehr müssen wir selbstkritisch unseren Orientierungshorizont innerhalb des natürlichen Sprachsystems abstecken. Innerhalb dieses Horizonts müssen wir komplexe Inhalte vermitteln können, ohne dabei immer wieder sprachliche Konventionen zu verletzen.

Folgerichtig müssen wir uns im Zweifelsfall auf Konventionen beschränken, die wir auch zuverlässig im Griff haben. Diese Selbstbeschränkung muss nicht bedeuten, dass ein vermeintliches Mindestniveau an Bildungssprache schließlich unterschritten wird. Im Gegenteil: Unsere Formulierungen können dadurch an Klarheit und Lesefreundlichkeit gewinnen. Denn in der Wissenschaftssprache
verläuft die Trennlinie weniger zwischen »muttersprachlicher Superkompetenz« und »Lingua franca light« als vielmehr zwischen Klarheit und Unklarheit.

Sonderfall Peer-Review

Publikationen in begutachteten Zeitschriften bilden das Rückgrat des medizinischen Publikationswesens. Die sprachliche Komponente solcher Arbeiten reicht tief hinein in das weite Feld der Präsentation. Nun sollte dieser Gesichtspunkt in einer idealen Welt nicht darüber entscheiden, ob ein Manuskript publikationswürdig ist. Sehr wohl verlangsamt oder beschleunigt er jeden Tag unzählige Rezensionen und andere Arbeitsabläufe bis zur Publikation. Und er entscheidet jeden Tag Millionen Mal darüber, ob Lesen als Bereicherung oder als Zumutung empfunden wird. Auch innerhalb des medizinischen Publikationswesens sind gut geschriebene Beiträge attraktiver als schlecht geschriebene. Hinzu kommt, dass die Erschließung breiterer Leserschichten für viele Journale ein deklariertes Ziel darstellt.

Das Konzept des Peer-Review mag nicht unumstritten sein, hat sich aber zweifellos über die Jahrhunderte bewährt und große Verdienste erworben. Überspitzt formuliert hat dieses »Kollegialprinzip« aus unserer Sicht den Nachteil, dass die Begutachter von sprachlicher Präsentation genauso wenig verstehen wie die Autoren. Wir haben viel Erfahrung mit Kommentaren von Begutachtern, sowohl aus der Sicht von Antwortschreiben, die Autoren nach dem Umarbeiten von Manuskripten verfassen, als auch aus der Sicht von Texten, die wir für Begutachter selbst übersetzt oder bearbeitet haben.

Immer wieder zeigt sich dabei, dass nur selten ein Begutachter die richtigen Worte zur Benennung von sprachlichen Defiziten in der Präsentation findet. Dies ist auch normal, weil das Expertenwissen dieser Personen ganz anders gelagert ist. Also ist es verständlich, wenn Wünsche zur sprachlichen Überarbeitung schlecht argumentiert werden. Oft sind diese Wünsche unklar, missverständlich oder irreführend. Vielfach ist nicht einmal ersichtlich, ob Kritikpunkte auf die sprachliche Präsentation oder die Datenpräsentation im engsten Sinn abheben.

Schon aus diesen Gründen kann es sinnvoll sein, Manuskripte bereits vor ihrer Einreichung von einem Redakteur bearbeiten zu lassen. Der Autor hat so eine gewisse Garantie, dass Unwägbarkeiten dieser Art nicht auf Monate oder Jahre hinaus die Publikation seiner Arbeit verzögern werden. Voraussetzung ist aber, dass die Bearbeitung penibel auf die Sinnzusammenhänge achtet. Eingeschränkte Bearbeitungen der Oberflächenstruktur können dies nicht leisten. Also will gut überlegt sein, wen man für diese Dienste heranzieht.

(Text aus 2009)

© 2019 Wilfried Preinfalk